Trekking in Nepal - Everest region




Trekking im Sagarmatha Nationalpark 29.4. - 24.5.03
Ja, wir sind wieder unterwegs! Und unsere Reise beginnt mit der hoellischsten Busfahrt meines Lebens von Kathmandu nach Jiri. Der Buspark in Kathmandu ist sogar in aller Frueh eine einzige Staub- und Dunstwolke. Es wimmelt von Menschen und Fahrzeugen. In kleinen Kuechen werden oelige Teigwaren angeboten und Chai gekocht. Wir stuerzen uns ins Getuemmel und werden dank freundlicher Leute zum richtigen Bus gelotst. Wir bekommen die letzten Plaetze vor der hinteren Tuer. Das hat den Vorteil, dass wir uns weit zuruecklehnen koennen, aber dafuer bekomm ich dauernd den Ellbogen vom Tuersteher auf den Kopf. Sein 'Jiri, Jiri, Jiri' begleitet uns die halbe Fahrt und in jeder noch so winzigen Ortschaft werden Fahrgaeste aufgenommen. Ploetzlich faengt der Lautsprecher, der genau ueber uns montiert ist, an zu droehnen - ueberlaute nepalische volkstuemliche Musik. Mir fallen fast die Ohren ab und als wir endlich nach drei Stunden fuers Mittagessen stehenbleiben bin ich fast taub. Zum Glueck goennt uns der Fahrer danach ein paar Stunden Ruhe.
Der Bus belaedt und entlaedt sich und ca. 50 km vor Jiri ist er berstend voll mit geschaetzten 200 Leuten. Das Dach und der Mittelgang sind vollgestopft. Dauernd haelt sich wer an unseren Koepfen fest und unsere Knie werden vom eisernen Vordersitz blaugeschlagen. Nach kurzer Zeit macht es einen 'Glescher' und ein Stossdaempfer bricht. Alle verlassen den Bus und setzen sich wartend an den Rand der Weizenfelder, die uns terrassenartig umgeben. Die Reparatur dauert nicht lang und es geht weiter. Irgendwann nach drei Checkpoints, einer stundenlangen Kriechfahrt bergauf und einer Hoellenfahrt bergab, kommen wir in Jiri an. Ich hab es noch nie so genossen mich im Bett lang auszustrecken wie nach dieser Busfahrt!
Am naechsten Morgen hoeren wir in den Nachrichten, dass drei Kanadier SARS aus Hongkong nach Kathmandu gebracht haben. Mittlerweile haben wir schon so viele Geruechte ueber die SARS Epidemie in China gehoert, dazu die Nachrichten voll mit Reisewarnungen und unklaren Vermutungen ueber Ursache und Ausbreitung dieser Krankheit, dass wir kurz davor sind, unsere Reise abzubrechen. Wir diskutieren einen Tag lang und entschliessen uns dann doch in die unbekannten Berge aufzubrechen, die vor uns liegen.
Die meisten Leute ersparen sich den Weg von Jiri nach Lukla, indem sie von Kathmandu direkt nach Lukla fliegen. So ersparen sie sich viel Anstrengung, aber sie versaeumen auch eine Vielfalt an Fauna und Flora, die es in groesseren Hoehenlagen nicht gibt. Sie versaeumen unverdorbende Gastfreundschaft, billiges und gutes Essen und einsame, stille Wege. Ich kann jedem empfehlen, die Erforschung des Sagarmatha Nationalparks in Jiri zu starten. Es verbessert die Kondition und hilft der Akklimatisierung an die grosse Hoehe, die den meisten Touristen Probleme bereitet. Aber natuerlich will ich nicht verschweigen, dass ich mindestens einmal am Tag geschimpft und gejammert habe, denn es war das Anstrengendste, das ich jemals gemacht habe.
Jiri - Sangba Danda. Wir verlassen Jiri, ein Ort voll mit Hotels und den letzten Geschaeften, um sich mit Trekkingequipment einzudecken. Wir folgen einer erdigen Strasse, auf der Lastwaegen und Busse bis zum naechsten groesseren Ort fahren (Shivalaya). Auf dem Rueckweg nehmen wir einen Bus, aber davon spaeter. Die Strasse fuehrt um den Berg herum und wir versaeumen die Abzweigung zum Pass. So haben wir einen laengeren Weg, aber dafuer ohne Steigungen. An den terrassierten Haengen stehen einzelne Haeuser. Jedes Fleckchen Erde wird genutzt, um Mais, Weizen, Buchweizen, Bohnen und Kartoffeln anzubauen. Kuehe und Wasserbueffel werden in kleinen Unterstaenden mit Bambusmattendaechern gehalten. Die Aehnlichkeit zur Anapurna Region ist natuerlich unuebersehbar, aber hier leben andere Volksgruppen mit anderen Braeuchen und wir sind immer wieder ueberrascht, welchen Unterschied das macht. Die Haeuser zum Beispiel sind hier weiss gestrichene Steinbauten mit grossen Holzfenstern und schraegen Wellblechdaechern, viel protziger als die niedrigen, grauen Steinbauten mit flachen Daechern im Anapurnanationalpark. Die Traeger hier besitzen alle einen T-foermigen Stock, den sie zum Gehen benuetzen und um ihre Last darauf abzustellen. Im Anapurna NP stellen die Traeger ihre Last immer auf eine der zahlreichen Steinbaenke ab. Hier werden kaum Esel zu Transportzwecken genutzt, dafuer weiter oben Yaks und Rinder.
Wir sind im Land der Sherpas, die aus Tibet stammen und eine beteutende Rolle bei der Besteigung der hoechsten Berge der Welt spiel(t)en. Tenzing Norgay ist wohl der beruehmteste Sherpa, weil er vor 50 Jahren gemeinsam mit Sir Edmund Hillary die Erstbesteigung des Mount Everest (Sagarmatha) vollbrachte.
Den heutigen Abend verbringen wir in der Lodge einer Sherpafamilie. Wir bekommen ein Zimmer mit erdigen Waenden und fuenf Zentimeter dicken Matratzen. Die Dusche ist ein Wasserschlauch im Freien und so kann ich mich erst waschen, als es finster ist. Am Abend sitzen wir neben dem warmen Ofen und unterhalten uns mit dem 18jaehrigen Sohn der Familie. Seine Haende sind voller Warzen (das sieht man oefter) und ein Finger ist in einen schmutzigen Fetzen eingewickelt. Er erzaehlt uns, dass er sich den Fingernagel weggeschnitten hat... Jeden Tag geht er zwei Stunden zur Schule und jetzt hat er seine Schlusspruefungen. Irgendwann wird er den Bauernhof seiner Eltern uebernehmen mit den Kuehen, Ziegen und Huehnern. Wir bekommen ein Glas Sherpa Tee zum Kosten, der mindestens so lecker schmeckt wie Tibetischer Tee. Sherpa Tee ist Schwarztee mit Milch und Salz.
Mittlerweile hat es zu regnen aufgehoert. Der Regen hat den Weg aufgeweicht und ein schwer beladenes Pferd rutscht aus und stuerzt. Es liegt hilflos auf der Seite mit den Beinen bergaufwaerts. Ein paar Maenner versuchen die Saecke von seinem Ruecken zu loesen, was nicht einfach ist, weil sie unter dem Pferd begraben sind. Es ist so erschoepft, dass es sich ueberhaupt nicht bewegt. Erst nach einer Weile gelingt es den Maennern mit Geschrei und Schlaegen, das Pferd zum Aufstehen zu bringen. Da steht es nun da mit dem gleichen hoffnungslosen Ausdruck in den Augen wie all die geschundenen Tragtiere in den Bergen. Ich weiss, dass die Menschen hier sehr arm sind und ihre Haustiere zum Ueberleben brauchen und nicht als Streicheltiere. Trotzdem war ich frueher der naiven Ueberzeugung, dass Buddhisten Tiere gut behandeln.
Sangba Danda - Kenja. Heute frueh sind wir wieder einmal froh, dass wir wegkommen. Wir haben dass Gefuehl, nicht genug konsumiert zu haben, um unsere Gastgeber zufrieden zu stellen.
Der Tag beginnt mit dem Anstieg zum Deorali La (Pass) durch Wald und an ein paar Haeusern mit Terrassenfeldern vorbei. Am Pass liegt der Ort Deorali mit grossen Lodges, Manimauern und Gebetsfahnen. Von dort fuehrt der Weg steil bergab und durchschneidet die Serpentinen einer zerstoerten Strasse. Anscheinend hat sie dem Monsun nicht standgehalten. Im Tal essen wir oeliges Brot und sehr gute salzige Kartoffeln bei einer freundlichen Sherpafrau, die lacht, als wir uns halbverhungert ueber das Essen hermachen. Der Weg bis Kenja kommt uns danach noch endlos vor, obwohl wir uns beeilen, damit wir nicht in den Regen kommen. Staendig wird der Pfad von Traegern blockiert, die alle 10 Meter zum Rasten stehenbleiben und ihre Lasten auf den T-foermigen Stoecken abstellen. Endlich erreichen wir Kenja und suchen zufaelligerweise die gleiche Lodge aus, in der Shahar vor vier Jahren war, als er die gleiche Tour machte. Das Gebaeude ist neu, aber die Dusche ist die gleiche geblieben. Wie freu ich mich auf eine richtige, warme Dusche! Doch als ich mit meinem Duschzeug reinspaziere, sitzt da die groesste Spinne auf der Wand, die ich jemals in meinem Leben gesehen habe. Handtellergross und kohlrabenschwarz.
Der Hotelbesitzer eilt zu meiner Rettung und mit ein paar Blaettern zerquetscht er das Riesenviech und spuelt es in den Abfluss (ich weiss nicht, wie es da reingepasst hat). Noch ein paar Mal sollten uns kleinere, aber trotzdem beeindruckende Schwestern dieser riesigen Spinne den Aufenthalt in Lodges ungemuetlich machen.
Kenja - Lamjura La. Schon am Vorabend blickten wir manchmal verzweifelt auf den gegenueberliegenden Hang, wo sich schneckengleich der Weg nach oben windet, den es heute zu bezwingen gilt. Es sind 2000 Hoehenmeter auf den 3500 m hohen Lamjura La, den hoechsten Pass zwischen Jiri und Lukla.
Meine Geduld reicht fuer so einen Anstieg nicht aus. Wenn die Stunden dahingehen und man steigt und steigt bergauf, ohne zu wissen wo das Ende ist, reisst irgendwann der Geduldsfaden.
Ich gehe schneller, der Puls steigt und ich komme der Erschoepfung immer naeher. Die Traeger dagegen machen wirklich alle paar Meter eine Pause und sie brauchen unendlich laenger fuer den Anstieg. Und sie machen diesen Anstieg nicht nur einmal wie ich, sondern viele Male in ihrem Leben, vielleicht jede Woche, wenn sie Lasten nach Lukla schleppen. Viele Kinder sind unter den Traegern und mein Magen krampft sich in Wut und Ohnmacht zusammen angesichts ihres Schicksals, das sie in die Kaste der Traeger geboren hat, wo sie ihr Leben lang bleiben werden.
Wir kommen hoeher hinauf und die Terrassenfelder werden durch Rhododendronbaeume ersetzt. Wieder sind wir in dem typischen Wald dieser Hoehenstufe mit Rhododendren, die ueber und ueber mit epiphytischen Moosen und Farnen bewachsen sind - und mit Orchideen, wie wir erst auf dem Rueckweg entdecken werden, als sie in Bluete sind. Bevor wir den Pass erreichen, kommen wir in Wolken, die als feiner, weisser Nebel unsere Haut beruehren. Mitten auf einem steilen Wegstueck aus roter Erde und Felsstufen beginnt es zu regnen und wir sind am Ende unserer Kraefte. Doch irgendwie schaffen wir es noch zum Pass und bleiben in einer der zwei Lodges dort. Es ist eiskalt und auf den Daechern liegen Schneereste. Wir sind mitten in einer weissen, undurchsichtigen Nebelsuppe. Also verkriechen wir uns vor den Ofen in der Kueche, die von einer Frau und ihrer fetten Mutter bewirtschaftet wird. Im Laufe des Nachmittags entpuppen sie sich als zwei unfreundliche Berghexen, die in uns nichts anderes als eine Geldquelle sehen und uns als Menschen zweiter Klasse behandeln. Die fette Frau sitzt den ganzen Tag neben dem Feuer und isst getrocknetes Fleisch und trinkt Raksi. Zwischendurch verscheucht sie die duerre graue Katze mit Fusstritten oder die Huehner, die vorsichtig glucksend durch die offene Tuer in die Kueche kommen und unsichtbare Koerner vom Boden aufpicken.
Lamjura La - Ringmo. Der Morgen begruesst uns mit der immer gleichen Nebelsuppe und wir erleben einen geisterhaften Pass, auf dem Gebetsfahnen aus dem Nichts auftauchen und wieder verschwinden. Bald sind wir wieder unter der Wolkendecke und folgen einem steilen Weg bergab durch Rhododendronwald. Am Talboden weiden Rinder auf kurzgefressenem Rasen. Die Wiesen sind von Mischwald umgeben und erinnern mich zu sehr an heimatliche Almen. Wir wandern auf einem sandigen, bequemen Weg aus dem Tal heraus, sogar die Sonne laesst sich zeitweise blicken und der graue Nebel des Lamjura La scheint weit hinter uns zu liegen. Ein riesiger Felsblock traegt eine bunte Mani-Inschrift und leuchtet weit in die Landschaft. Zu Mittag erreichen wir Junbesi, ein touristisches Zentrum gemessen an der Anzahl der Hotels, aber jetzt ohne Touristen. Es ist Nebensaison, aber der Hauptgrund fuer den Rueckgang an Touristen ist noch immer der Buergerkrieg. Gerade zwischen Jiri und Lukla gibt es zahlreiche Maoisten und viele Steine und Hauswaende tragen das Hammer-Sichel-Symbol. Als wir in Ringmo ankommen, ist eine Gruppe Maoisten gerade beim Training. Es sind Maenner und Frauen in normaler Kleidung und ohne Waffen. Sie machen Gymnastik und dann ueben sie mit Holzstuecken, als haetten sie Gewehre. Andere Dorfbewohner stehen herum und schauen zu. Es ist ja wohl wirklich ein seltsamer Anblick und ziemlich unverstaendlich, wenn das taegliche Leben hier soviel an koerperlicher Arbeit abverlangt, dass man da noch anfaengt zu Turnen. Aber vielleicht schauen sie auch zu in der Hoffnung, dass diese Leute einmal eine Veraenderung in ihr Land und ihr Leben bringen werden. Wir haben nicht oft mit Nepalesen ueber Politik geredet, aber was wir meistens gehoert haben ist die Ablehnung des Koenigs ('very stupid'), aber auch der Maoisten, die Flugplaetze und Telefonleitungen in den Bergen zerstoeren.
Ringmo - Khari Khola. Der Tag beginnt mit einem Aufstieg von 400 m auf einen kleineren Pass. Ueber Nacht hat ein Sturm die Wolken weggeblasen und zum ersten Mal haben wir klare Sicht - auch auf ein paar ferne, weisse Spitzen. Auf dem Pass ist es sehr windig. Als wir das Tor mit Gebetsmuehlen und -fahnen durchschreiten, haben wir ploetzlich einen gigantischen Ausblick auf eine Bergkette vor uns. Wir sind ueber den Wolken, die das Tal bedecken. Das ist das Geheimnis von Paessen, mit einem Schlag zeigen sie alles, was vor einem liegt, und man kann auf alles zurueckblicken, was hinter einem liegt.
Der Weg fuehrt uns wieder einmal ins Tal, diesmal 1600m bergab. Da kann man schon einmal genug vom Bergabgehen bekommen. Aber die Wolken loesen sich bald auf und es wird schoen. Deshalb (und weil Shahar unbedingt will) bin ich einverstanden, dass wir heute selbst kochen. Wir machen unsere Kueche am tiefsten Punkt des heutigen Tages an einem Fluss auf. Es ist eine ziemliche Prozedur alles auszupacken und Wasser zu organisieren. Der Kocher spinnt und es dauert ewig bis das Wasser heiss wird, von kochen keine Spur. So lang hat glaub ich noch niemand gebraucht, um Instant Nudeln zu kochen: Mehr als zwei Stunden dauert es bis wir mit vollen Maegen weiterwandern.
500 Hoehenmeter in gluehender Hitze liegen vor uns. Alle paar Meter leeren wir literweise Wasser in uns hinein. Kein Wunder, dass es so heiss ist, wir sind auf nur 1500m. Hier wird Weizen statt Gerste angebaut und es gibt Bananen. Khari Khola ist ein kleines Dorf auf einem terrassierten Berghang. Viele Haeuser haben Blumentoepfe entlang der Hausmauer, in denen Ringelblumen, Gaensebluemchen, Tagetes und andere wuchern. Die Atmosphaere ist sommerlich und einladend. Doch leider sehen das auch Riesenspinnen so...
Khari Khola - Lukla. Nur Shahar ist es zu verdanken, dass wir Jiri - Lukla in sechs Tagen geschafft haben. Jeden Abend konnte ich kaum auf meinen Fuessen stehen, und am naechsten Tag wanderten wir noch laenger und weiter als am Tag davor. Und der letzte Tag war der haerteste von sechs brutalen Tagen.
Die letzte Etappe fuehrt uns zuerst 1000m bergauf, dann entlang der Bergflanke in kleinen Aufs und Abs, schliesslich 600m bergab und wieder 500m bergauf nach Lukla. Lukla wird vom Flughafen und dem Laerm der Flugzeuge dominiert. Die meisten Leute bleiben keine Nacht hier, sonderen gehen gleich weiter. Doch wir legen hier einen Rasttag ein und verbringen den Tag in einer sonnigen Veranda mit einem Buch. Wir sind zurueck in der Zivilisation, eingerichtet fuer Touristen. Ein Geschaeft fuer Trekkingausruestung reiht sich an das naechste, unterbrochen durch Book Shops und Lebensmittellaeden mit allen erdenklichen Suessigkeiten und Coca Cola. Sogar Brot und Kuchen wird in Bakeries angeboten, aber leider zu unerschwinglichen Preisen. Von unserer Veranda aus sehen wir den Flughafen und koennen Helikopter und Flugzeuge beobachten, die fast in Minutenabstaenden eintreffen. In Windeseile werden Gueter und Touristen ausgeladen und andere Touristen eingeladen. Die Landebahn ist geneigt, sodass landende Flugzeuge staerker gebremst werden und nicht in den Berg knallen, der das natuerliche Ende der Landebahn bildet. Lukla - Namche Bazar. Wir befinden uns nun auf den Touristentrampelpfaden, die jaehrlich tausende Touristen zum Fuss des Mount Everest bringen, und so auch uns. Aber wir planen zuerst ins weniger touristische Gokyo Tal zu wandern, das westlich vom Everest liegt und wo Shahar vor vier Jahren war. Von Gokyo kann man einen Pass ins Nachbartal ueberqueren, von wo es dann weiter bergauf Richtung Everest geht. Das ist unser Plan und wir fuehlen uns fit und jedem moeglichen Hindernis ueberlegen. Aber...
Der Weg nach Namche Bazar fuehrt entlang eines Tales und ist daher sehr bequem zu gehen. Doch das letzte Stueck ist ein Anstieg von 600 m. Wir schwitzen furchtbar in der Hitze und der Wind blaest uns tonnenweise Staub ins Gesicht. Auf dem Weg sind dutzende Leute unterwegs, Porter mit schweren Lasten, Touristen in Gruppen und Individualtouristen, Touristenguides und -traeger. Ein Tourist, der mir entgegenkommt, schenkt mir seinen schoen verzierten Stock. Dieser Stock wird mein treuer Begleiter und meine Stuetze auf den Wegen, die vor uns liegen.
Ueberall entlang dieser frequentierten Trekkingroute zum Everest Base Camp wird fleissig gebaut. Ein Hotel nach dem anderen entsteht. Die Steine fuer den Hausbau werden haendisch aus dem Berg gesprengt und zu Quadern geschlagen und auch die Bretter und Pfosten werden haendisch zurechtgeschnitten. Aber es sind so viele Arbeiter beschaeftigt, dass ein kleines Haus innerhalb von drei Wochen von den Grundmauern bis zum Dachstuhl ergaenzt wird.
Wir passieren einige schaebige Bruecken, von denen wir eine nicht mehr wiedersehen, als wir nach drei Wochen zurueckkommen. Zwischen Monjo und Jorsale beginnt der Sagarmatha Nationalpark. Nachdem wir die Gebuehr bezahlt haben und registriert wurden, durchschreiten wir ein Tor zu neuen Abenteuern.
Namche Bazar - Phortse Drenkga. Namche Bazar besteht aus modernen Steinbauten mit blauen, weissen und roten Fensterrahmen. Es ueberrascht mit einer Strasse voll Geschaeften mit Souveniers und Trekkingartikeln. Obwohl der Flughafen in Lukla liegt, ist Namche Bazar das eigentliche Touristenzentrum. 'Bazar' im Ortsnamen bedeutet, dass ein woechentlicher Markt abgehalten wird, den wir leider versaeumen.
Der angestrebte morgendliche Tee fuehrt zu einer eineinhalbstuendigen Verspaetung, denn der Kocher weigert sich auf einmal zu funktionieren. Shahar reinigt alle Teile und trotzdem rinnt das Benzin nur traege aus der Duese. Also bleibt uns nichts anderes uebrig und wir fragen um heisses Wasser, das wir gratis bekommen...
Die Berge rund um uns sind offensichtlich abgeholzt, denn wir sind zwar uber 3000m, aber noch nicht ueber der Waldgrenze. Das einzig Brennbare, das hier noch waechst sind ein paar schaebige Wacholderbuesche. Meistens wird daher trockener Yakmist zum Heizen und Kerosin zum Kochen verwendet. In der Frueh verbrennen Buddhisten frische Wacholder- und Rhododendronzweige in Blechdosen, im Herdfeuer und neben Manimauern. Der intensiv riechende Rauch fuellt oft ganze Doerfer und laesst uns die Nasen zuhalten.
Heute begleiten uns entlang des Weges Unmengen von winzigen Iris mit violetten Blueten. Wir passieren ein paar Touristenhorden, bevor wir zur Abzweigung nach Gokyo kommen. Hier will Shahar die Richtigkeit seiner Positionsberechnungen bestimmen und laesst mich wartend auf einer Steinmauer zurueck. Unter mir liegen zwei Haeuser. Davor stehen Tische mit Souveniers, die von tibetischen Frauen in traditionellen Kleidern verkauft werden. Ein fetter Tourist kommt entlang des Weges und bestellt keuchend ein Coca Cola. Da sitzt er nun auf dem weissen Plastiksessel in der Sonne und ich fuehle mich an einen Strand vielleicht auf Rhodos oder Gran Canaria versetzt. Mehr Touristen kommen vorbei, meistens tragen sie kleine Tagesrucksaecke, auch die staemmigsten Maenner. Und ihre Porter wirken wie duenne Kinder unter ihren schweren Riesenrucksaecken.
Endlich kommt Shahar zurueck und wir machen uns an den Aufstieg auf den Mong La (Pass). Vor uns treibt eine Frau zwei beladene Yaks den steilen Weg bergauf. Die riesigen Tiere wirken gleichmuetig und gelassen, wie sie langsam die steilen Steinstufen hinaufklettern. Am Pass geht es Shahar nicht gut und wir glauben zuerst, dass es die Hoehe ist. Aber in Phortse Drenkga geht es ihm nicht besser und bald geht es mir gleich. So verbringen wir zwei Tage dort mit verstimmten Maegen (woher nur? vielleicht war's der gruene Plastikfaden im gleichfarbigen Gemuese gestern?). Unsere Lodge ist an einem rauschenden Fluss gelegen, der an seinen Ufern grosse, runde Kiesel und Sand abgelagert hat. Das Tal ist bewaldet mit bluehenden Rhododendren, Birken mit papierduenner, sich schaelender Rinde und mit Foehren, die lamettaartig mit graugruenen Bartflechten behaengt sind. Es ist ein wunderschoener Platz und er laedt zum Erforschen und Entdecken ein. Doch wir verbringen den Tag eingewickelt im Schlafsack in unserem finsteren Zimmer.
Phortse Drenkga - Dole. Am naechsten Morgen kriechen wir gelaehmt vor Kaelte und voellig erschoepft den Berg hinauf. Jeder Schritt ist eine Ueberwindung, aber wir spornen uns gegenseitig an und jammern gemeinsam, wenn es unueberwindbar scheint. Trotzdem versuch ich, die einzigartige Landschaft zu geniessen. Der Weg windet sich zwischen Felsbloecken hindurch, die manchmal ein steiles Bergauf- oder Bergabgehen erzwingen. Kleine Wasserfaelle stuerzen an den Felsen hinunter - an ruhenden Stellen zu Eis gefroren. Ueberall blueht rosarot Primula denticulata zwischen Wacholder, Zwergweiden, Ephedra und niedrigen Rhododendren. Sogar ueber 4000 m kreuzen noch bunte Schmetterlinge unseren Weg und kleine Singvoegel blitzen manchmal rot, blau oder orange im Gebuesch auf. Wir kommen an einem kleinen Haus erbaut aus rohem Stein und krummen Holz vorbei. Es steht malerisch auf einer Wiese, die von einer Steinmauer umgeben ist. Dieses Haus passt viel besser in die Landschaft als die Lodges mit den bunten Wellblechdaechern und den leuchtenden Reclameschildern. Trotzdem sind wir sehr erleichtert als wir unsere Lodge in Dole beziehen. Wir duschen uns mit einem Kuebel Wasser in einem Duschzelt, das angenehm warm von der Sonne aufgeheizt ist.
Dole - Machermo. Noch immer nicht gesund - und deshalb ist auch der heutige Tag sehr anstrengend. Je weiter wir ins Gokyotal vordringen, umso unwirklicher wird die Landschaft. Die steilen Talflanken sind von Felsbrocken uebersaet. Hie und da steht ein Steinhaus umgeben von glatter Wiese und grasenden Yaks. Taleingang und Talschluss sind von weissen Bergen ueberragt (Tamserku bzw. Cho Oyu).
Wir kaempfen uns von einer Fahnenkette zur naechsten. Die Gebetsfahnen sind immer an den hoechsten Punkten des Weges zwischen Steinhaufen ausgespannt und von dort sieht man die naechste Kurve. Irgendwann kommt Machermo in Sicht und wir haben unser Tagesziel erreicht. Wir beziehen das groesste Hotel, das sich dann im Laufe des Abend ziemlich mit Gaesten fuellt. Dafuer wird der runde Ofen in der Mitte des Aufenthaltsraums ordentlich geheizt. Diese Oefen gibt es in den meistens Lodges. Sie werden bis oben mit Yakmist angefuellt, der mit Benzin angezuendet wird und dann langsam abbrennt. Auch der Muell wird verheizt - egal welcher Sorte: Papier, Plastik, Metallfolien.
Am Abend kostet es Ueberwindung ins ungeheizte Zimmer zu gehen, vor allem jetzt, wo es begonnen hat zu schneien.
Machermo - Gokyo. Wir sind die ersten, die in der Frueh aufbrechen, und haben daher einen wunderbar einsamen Weg vor uns. Der Weg fuehrt uns immer naeher dem Fluss, der vorher tief im Tal lag, und bald klettern wir parallel bergauf bis wir die Talsohle erreichen. Hier liegt der erste der fuenf Gokyoseen (Longponga Tso), eine kleine, blaugruene Lacke. Wir rasten eine Weile an seinem Ufer und beobachten ein oranges Entenpaar, das nach Algen gruendelt. Das Wetter ist einfach traumhaft und die Sonne waermt richtig - es ist schwer zu glauben, dass wir hier auf 4700 m sind.
Der zweite See (Taoche Tso) ist viel groesser als der erste und zur Haelfte zugefroren. Am dritten See (Dudh Pokhari) liegt Gokyo. Hier bleiben wir fuer zwei Tage und geniessen dieses Paradies.
Gokyo Ri (5483m). Der Gokyo Ri ist der Hausberg von Gokyo und von seinem Gipfel sieht man den Mount Everest. Wie kann man sich so einen Fuenftausender in den Himalayas vorstellen?
Eigentlich schaut der Gokyo Ri nicht viel eindrucksvoller aus als ein Maulwurfshuegel, einfach weil er einen runden Ruecken hat und von der richtigen Seite erklommen keine Schwierigkeiten bereitet. Aber der Respekt vor den Bergen will immer bewahrt bleiben.
Wir starten in einen beinahe wolkenlosen Morgen. Der Boden ist gefroren und die ruhenden Yaks sind mit einer Schicht Rauhreif ueberzogen. Nach zwei Stunden stehen wir am Gipfel und ich will erst gar nicht versuchen, die Aussicht von dort zu beschreiben - oder vielleicht doch. Unter uns funkeln die drei Seen und ein riesiger, grauer Gletscher windet sich entlang des ganzen Tales. Auf allen Seiten sind wir von maechtigen Gipfeln umgeben, Cho Oyu, Changri, Nuptse, Thamserku, Sagarmatha und viele mehr. Die bunten Gebetsfahnen stehen in starkem Kontrast zu dem strahlenden Weiss.
Wie verbringen zwei Stunden am Gipfel auf einem Felsblock in der Sonne und fuettern kleine Bergfinken mit abgelaufenen Keksen. Ploetzlich laesst Shahar den Fotoapparat fallen und als ich runter klettern will, ihn zu holen, fall ich gleich hinter her. So hab ich mir mein 'botanisches Bein' geholt, denn nachdem es blau war, faerbte es sich fuer lange Zeit gruen.
Gokyo - Dragnak. Wir stehen dank Bauchweh und Hoehenkrankheit noch immer etwas wacklig auf den Beinen, aber nach einigem Hin und Her enscheiden wir uns doch, den 5368 m hohen Cho La Pass zu machen. Dragnak ist der Ausgangspunkt und bis dorthin sind es nur zwei Stunden von Gokyo. Deshalb wandern wir vorher noch zum vierten See (Thonak Tso), der noch vollstaendig zugefroren ist. Der Weg nach Dragnak fuehrt zuerst entlang der Seitenmoraene des Ngozuba Gletschers, dessen Eismassen vom Cho Oyu kommen, und dann ueberquert er die Gletscherzunge. Der Pfad ist meistens steinig und felsig, doch auf einmal kommen wir zu Duenen aus weissem Sand mit schwarzem, glitzernden Kristallstaub darauf. An steilen Abbruechen wird schmutziggraues Eis sichtbar, das zu kleinen Seen schmilzt. Immer wieder hoert man das Donnern von Steinen, die in diese Seen stuerzen. Der Gletscher lebt.
Dragnak - Duglha ueber den Cho La. Der Weg ueber den Cho La Pass ist zwar mit Steinmanderln markiert, aber trotzdem nicht einfach zu finden. Deshalb starten wir in der Frueh gemeinsam mit ca. 10 anderen Touristen und ihren Traegern. Zuerst fuehrt der Weg in einem Tal bergauf, erklimmt Stufe und Stufe von felsigem Gelaende bis wir auf einer Anhoehe vor dem Pass stehen. Alles was wir von dieser Entfernung erkennen koennen sind unueberwindbar scheinende steile Felsen und Eis. Doch bis wir dorthin kommen, muessen wir durch eine Grobblockhalde von einem Felsen zum naechsten klettern, staendig Ausschau haltend nach ein paar aufgehaeuften Markierungssteinen. Erst danach kommt der eigenliche Aufstieg, unglaublich steil und rutschig von Eis und Neuschnee. Auf den Stellen, wo man nicht alle Viere braucht, uebe ich den 'Resting Step', d.h. das Gewicht bleibt fuer ein paar Sekunden auf dem Ausgangsfuss, bevor es auf den neuen Fuss verlagert und hochgestemmt wird. Das ist zwar eine zeitraubende Prozedur, dafuer komme ich aber kaum ausser Atem. Nur auf dem letzten Stueck, wo Fusstapfen im Schnee vorgegeben sind, muss ich alle fuenf Schritte stehenbleiben und nach Luft ringen. Und endlich bin ich oben auf einer glatten Schneeflaeche, aus der ein paar Steine herausragen. Die Sonne hat an einer Stelle ein Loch hineingebrannt, wo jetzt eine eisige Lacke ist, von schmelzenden Eiszapfen gespeist.
Wir kommen aus einem braunen, einsamen Tal, in dem sich ein Fluesschen windet. An seinem Ende liegen weisse Berge, die in Wolken gehuellt sind. Auf der anderen Seite ist die Aussicht von einer weissblauen Gletscherwand und steilen Bergflanken begrenzt. Wir setzen unseren Weg in diese Richtung fort und nachdem wir eine weitere Grobblockhalde ueberwunden haben, oeffnet sich auf einmal das Tal unter uns. Wir sehen einem braunen Faden gleich den sandigen Weg bis nach Dzonglha. Die Schnelleren aus unserer Gruppe sind jetzt nur mehr ein paar bunte Tupfer. In Dzonglha holen wir sie wieder ein. Doch die Lodge ist zu teuer und wir gehen weiter nach Duglha. Wir wandern fast immer auf der gleichen Hoehe um einen Berg herum, der mit ein paar Straeuchern und Gras bewachsen ist. Im Tal unter uns liegt ein 'Seasonal Lake', der jetzt nur eine graue, schlammige Ebene ist. Die Wasserlinie, die waehrend des Monsuns erreicht wird, ist deutlich an der Farbe der Steine und der Vegetation erkennbar. Immer wieder kommen wir an einer Herde brauner, grauer und gefleckter Yaks vorbei. Der Weg wird immer schmaeler und schmaeler bis Hufabdruecke von Yaks die einzig sichtbaren Spuren sind. Wir machen uns langsam Sorgen, wo uns dieser Yakpfad hinfuehrt, bis wir nach zwei Schokoladenpausen und einer kleinen Ewigkeit endlich nach Duglha kommen.
Die Yak Lodge in Duglha ist kein Schloss: Der Fussboden im Zimmer ist zur Haelfte aus trockenen Rasenziegeln. Das Klo ist im Hinterhof, wo Yakmist und -felle getrocknet werden und Yaks ueber Nacht angeleint werden. Und im Aufenthaltsraum seh ich fluechtig eine Riesenratte, die Unterschlupf hinter den Sitzpolstern sucht. Aber wir sind heilfroh, nach diesem anstrengenden Tag hier angelangt zu sein. Den ganzen Abend verbringen wir so nah am yakmistbefeuerten Ofen, dass wir fast unsere Fleecejacken schmelzen. Ein alter Litauer, der vorher nur schweigsam herumgesessen ist, packt ploetzlich sein Saxophon aus und spielt ein paar Stuecke. Es klingt zwar nicht weltberuehmt, ist aber nach wochenlangen Entbehrungen (an westlicher Musik) trotzdem ein Genuss. Auch die Nepalesen, die mit uns um den Ofen sitzen, haben einen Mordsspass an der Sache. So geht einer der schoensten und eindrucksvollsten Tage unserer Wanderung stimmungsvoll zu Ende.
Duglha - Lobuche. Auf, auf! Der Everest ruft! Aber was uns wirklich so zur Eile antreibt ist das Verlangen nach einer richtigen Dusche, die es hoffentlich in Lobuche gibt. Doch Lobuche ist viel primitiver, als ich es mir vorgestellt habe - obwohl es auf dem meistfrequentierten Trek im Sagarmatha NP liegt! Also muessen wir mit einem Duschzelt und einem Kuebel Wasser vorlieb nehmen, trotzdem ein Traum nach immerhin sechs Tagen ohne Dusche (brrr!).
Lobuche - Gorak Shep und Kalapattar (5650). Dieses Tal, das wir langsam aufwaertswandern, erinnert sehr ans Gokyotal. Auch hier begleitet uns staendig ein von seiner Seitenmoraene verborgener Gletscher. Der Talschluss wird hier von der Moraene eines seitlich einmuendenden Gletschers gebildet, hinter dem Gorak Shep liegt. Die Ueberquerung des Gletschers ist alles andere als ein gemuetlicher Spaziergang. Staendig geht es bergauf und bergab, loses Geroell erschwert das Gehen und manchmal gilt es grosse Felsen zu ueberwinden. Aber auch dieser Gletscher ist ein faszinierendes Ungetuem. An einer Stelle kommt ein breiter Fluss aus dem Nichts und fuellt ein kleines Tal mit seinem Donnern. Auf den Gesteinsmassen, die der Gletscher geschuerft und aufgetuermt hat, sind wir unscheinbare Ameisen, die sich muehsam forwaertsbewegen.
In Gorak Shep essen wir ein zweites Fruehstueck, schmeissen die Rucksaecke in unser Zimmer und machen uns an den Aufstieg des Kalapattar, des 'Aussichtsberges' fuer den Mount Everest. Der Aufstieg ist anstrengend und zermuerbend. Es gibt einfach nicht genug Sauerstoff zum Atmen. Auf halbem Weg werden wir von einem Nepalesen in Badeschlapfen ueberholt. Aber gut, nepalesische Traeger gehen auch mit Badeschlapfen zum Everest Base Camp - wenn nicht sogar barfuss.
Vom Gipfel des Kalapattar auf einem Felsen kauernd sehe ich den Mount Everest und seine maechtigen Nachbarn. Der Gipfel des Everest ist von diesem Blickwinkel aus eine felsige Pyramide fast ohne Schnee, scheinbar ueberragt von dem eindrucksvollen, vergletscherten Nuptse. Alle Berge rundherum sind weisse Riesen, ganz offensichtlich Sitz der Goetter, denn welcher Thron ist schoener und erhabender als der Himalaya?
Die Taeler sind angefuellt mit rissigen, grauen Gletschern. Und auf einem dieser Gletscher leuchten die winzigen Zelte des Everest BC. Dort wollen wir morgen hingehen.
Gorak Shep - Everest BC - Duglha. Von Gorak Shep zum Everest BC sind es drei muehsame Stunden auf Gletschergeroell. Der Weg windet sich um unendlich viele Hindernisse, die der Gletscher in den Weg legt, fuehrt auf und ab, hin und her, vor und zurueck. Dann erreicht man die Zeltstadt des Basislagers, die zur Zeit ca. 35 Expetitionen aus aller Herren Laender beherbergt. Das Lager ist scheinbar chaotisch aufgebaut, mit Zelten die kreuz und quer herumstehen, meistens auf einem Sockel auf Eis, weil der Gletscher rundherum weggeschmolzen ist. Der Gletscher schmilzt die ganze Zeit. Es liegt ein Troepfeln und Rieseln in der Luft, ein paar Steinchen rutschen, ein groesserer rollt. Von fern hoert man das Donnern der Fels- und Eisstuecke, die in die Gletscherseen fallen. Ploetzlich werden diese Geraeusche von einem viel lauteren ueberdeckt: ueberhaengende Eismassen haben sich von einem Berghang geloest und stuerzen nun als donnernde Lawine ins Tal.
Die Expetitionszelte einer Nation sind meist um eine kleine Stupa mit der Nationalflagge darauf gruppiert. Vom Zentrum sind lange Leinen mit Gebetsfahnen gespannt.
Wir suchen uns einen Weg in die Zeltstadt hinein, stolpern ueber Schnuere, geraten in Sackgassen, weichen kleinen Fluesschen aus, bis wir vor dem Internetzelt stehen. Das www kostet hier 1 US$ pro Minute und wir leisten uns den Spass, vom Everest BC eine Botschaft nach Hause zu schicken.
Heute ist der 18. Mai und das Basislager ist fast leer, weil fuer den 21. gutes Wetter angesagt ist und die Climbers in der Hoffnung aufgestiegen sind, endlich auf den Gipfel zu kommen. Das Wetter war den ganzen Mai ueber zu schlecht, um einen ernsthaften Versuch zu wagen. So kann die Warterei ganz schoen zermuerbend werden, denn alles was die Leute hier tun koennen, ist essen, lesen, schlafen und manchmal zu einem der hoeheren Camps aufsteigen.
Wir verabschieden uns nach einer Stunde vom Endpunkt unserer Wanderung. Nun tritt der 'Evakuierungsplan' in Kraft, der uns so schnell wie moeglich aus den Bergen zurueck in die Zivilisation bringen soll. Das klingt im ersten Moment vielleicht unverstaendlich - wir haben so viel Anstrengung und Zeit investiert, um hierher zu kommen, und jetzt wollen wir so schnell wir moeglich weg. Ich bin mir auch nicht wirklich sicher, was der Grund ist, aber wir ich glaube wir haben einfach genug vom taeglichen Rhytmus, frueh aufstehen, zusammenpacken, gehen und schwitzen, rasten, weitergehen, eine Lodge suchen, um den Preis feilschen, Dal Bhat zum Abendessen, auspacken, frueh schlafen gehen. Die grosse Hoehe, in der wir uns befinden, spielt sicher auch eine Rolle. Sauerstoffdefizit akkumuliert sich und macht muede und antriebslos. Dazu kommt, dass das Essen meistens fast ungeniessbar ist, es gibt keine Duschen und die Klos sind nur ein Haufen Scheisse. Wie auch immer - wir freuen uns auf die Schokoladentorte in der Weizenbakery in Kathmandu, auf warme Sommerabende am Balkon des California Hotels und die dort zurueckgelassenen Buecher.
Am Abend erreichen wir in leichtem Schneefall die schon beschriebene Yaklodge in Duglha.
Duglha - Tengboche. Ueber Nacht ist alles weiss geworden und wir sind die ersten, die zoegernde Fusspuren auf der rutschigen Holzbruecke im Tal hinterlassen. Uebermuetig und froehlich wandern wir bergab. Ein paar mit grossen Holzplatten beladene Porter kommen uns entgegen. Sie haben den schwereren Weg. Manchmal zwingen uns Yakkarawanen zum Ausweichen. Die massigen Tiere mit den geschwungenen spitzen Hoernern haben auf jeden Fall Vorrang.
Je tiefer wir ins Tal kommen, umso hoeher werden die Pflanzen, bis wir im vertrauten Rhododendronwald mit Birken und Foehren sind. In diesem Wald liegt auch Tengboche auf einem Bergruecken. Von unserem Zimmer aus haben wir einen wundervollen Ausblick auf das bewaldete Tal und den Weg von morgen.
Tengboche - Benkar. Heute sind ueberall entlang des Weges Soldaten postiert, wie sich herausstellt fuer den Everest Marathon, der heute stattfindet. Die Marathon Strecke beginnt am Everest BC bei den Kumbu Eisfaellen und endet in Namche Bazar. Wir haben fuer diese Strecke zwei Tage gebraucht, waehrend ein schneller Laeufer so um die dreieinhalb Stunden braucht.
Wir erreichen Namche Bazar gerade zur richtigen Zeit und gesellen uns zur angespannt wartenden Menge an der Ziellinie. Eine Gruppe Schulkinder in englischer Schuluniform wird zum Singen aufgestellt. Aber vorerst droehnt noch die uebliche Volksmusik aus den Lautsprechern. Wir sehen ein paar bekannte Gesichter von den letzten Tagen. Sogar unser Saxophonist aus Litauen ist da. Er ist wirklich eine komische Gestalt als er wie verrueckt sein Saxophon zu spielen beginnt. Doch seine Musik geht in einem ploetzlichen Aufschrei der Menge unter: Das weisse T-Shirt des ersten Laeufers ist am Huegel ueber dem Ort aufgetaucht. Mit Hochrufen wird der Sieger, ein kleiner, unscheinbarer Nepalese, empfangen. Er wird sofort auf einen Sessel gedrueckt und mit Gebetsschals ueberhaeuft. Es dauert nicht lange bis das naechste weisse T-Shirt auftaucht und das naechste. Alle Laeufer werden mit dem gleichen Enthusiasmus empfangen. Die Leute sind gluecklich und stolz, denn diese Sieger verlaengern die Liste der Helden Nepals.
Benkar - Puiyan. Die Entscheidung, ob wir von Lukla nach Jiri fliegen oder zu Fuss zurueckgehen, hat sich von alleine geloest. Es gibt keinen Helikopter nach Jiri mehr (weil er vor zwei Jahren von frustrierten Traegern, denen die Arbeit durch die Fluggesellschaft weggenommen worden war, angezuendet wurde). Also bleibt uns nichts anderes uebrig, als auf dem bekannten Hoellenweg zurueckzugehen.
Puiyan - Nuntala - Junbesi - Kenja - Shivalaya (-Jiri mit dem Bus). Jedesmal wenn ich ein paar hundert Hoehenmeter bergabgehe, kann ich mir nicht vorstellen, dieses steile, lange Stueck jemals bergauf gegangen zu sein. Und umgekehrt erinnere ich mich jedesmal an den Gedanken, dass ich hier niemals wuerde bergauf gehen wollen. Aber genau das passiert gerade. Ich gehe schon seit eineinhalb Stunden bergauf. Der Weg fuehrt durch einen duesteren Wald. Die Luft ist mit Feuchtigkeit gesaettigt und die einzigen Geraeusche sind das laute Zirpen der Zikaden und hie und da ein schrilles Streitgespraech zwischen zwei Voegeln. Meine Gedanken verlieren sich im Nirgendwo, aber trotzdem kommen sie immer wieder auf den gleichen Punkt zurueck: Wie lange noch?
Dann kommen wir an ein einem Bauernhaus vorbei und ich werde von ein paar Kindern in rettungslos verdreckten Kleidern aus meinem Gedankenkreislauf gerissen: 'Have a pen?' oder 'Its-schoolpen?' Ihre Aufdringlichkeit aergert mich, schweissgebadet und erschoepft wie ich bin.
Ein anderes Mal jedoch kommen wir an ein paar Kindern vorbei, die in einem Baum sitzen und unsichtbare Fruechte essen. Sie kommen zu uns herunter und tauschen mit uns Beeren gegen Zuckerl. Ein Bub mit fehlender rechter Hand denkt sich noch etwas Besseres aus. Er folgt uns bis wir nach einiger Zeit im Schatten eines Hauses fuer eine Weile rasten. In der Zwischenzeit pflueckt er sein ganzes Leiberl voll mit orangen, suessen Rubusbeeren in der Gewissheit sichere Abnehmer zu haben. Als wir ihm dann Zuckerl zum Tausch anbieten wollen, teilt er uns mit: 'No sweet. Rupies!' Wir verhandeln den Preis bis beide Seiten zufrieden sind und verabschieden uns mit einem Lachen.
So sind diese fuenf Tage mit groesseren und kleineren Abenteuern vorruebergegangen. Am letzten Tag erreichten wir Shivalaya schweissgebadet, nachdem wir das Hupen des Buses schon von hoch oben am Berg gehoert hatten. Wir rannten wie die Verrueckten ins Tal, denn um alles in der Welt wollten wir diesen Bus erwischen und uns somit eine Tagesetappe ersparen. Die Busfahrt war die verrueckteste, die man sich vorstellen kann. Die Strasse ist manchmal ein Morast mit einem halben Meter tiefen Spurrillen, dann besteht sie aus Felsbrocken, die den Bus springen lassen wie ein bockendes Pferd. Wir mussten eine Furt durchqueren und dafuer wurde der Bus vorher mit Sand beladen und die Luft aus den Reifen gelassen. Oft neigte sich der Bus so stark zur Seite, dass ich jeden Augenblick glaubte, er wuerde sofort umfallen. Eine Viertelstunde von Jiri entfernt verlor ein Rad eine Schraube. Also packten wir unsere Rucksaecke und wanderten die letzten Schritte nach Jiri.


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